Vortrag am Dreiländerkongress für psychiatrische Pflege in Bern, 2024

Grüezi mitenand, hallo zusammen

Mein Name ist Leah und ich habe Informatik, Umweltwissenschaften und Asienstudien studiert. Ich bin EX-IN Peer und habe vier Jahre im stationären Bereich gearbeitet. Heute bin ich Herausgeber*in des Magazins der Angst- und Panikhilfe Schweiz und Kunststudent*in. Ich mag Schokolade und Pommes und ich hatte mal einen Hund, der Toby hiess.

Toby war nicht einfach ein Hund, er war mein Assistenzhund. Toby kam zu mir als ich in einem Wohnheim lebte für Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Als ich kaum aus dem Haus ging, Stimmen hörte, Angst hatte vor den öV und mich das psychiatrische System verschluckt hatte. Ich lebte im Takt von Psychopharmaka-Einnahmen, Wohnheimämtli und Essenszeiten. Toby war der einzige Lichtblick in meinem Leben. Er half mir, den Alltag zu bewältigen, weckte mich, wenn ich Albträume hatte und das Streicheln des Fells beruhigte mich, erdetet mich, in einer Welt, die ohne Rücksicht um mich herumraste.


Heute lebe ich am äussersten Rande einer Gausskurve und habe es mir da gemütlich eingerichtet. Toby ist nicht mehr bei mir und einen neuen Assistenzhund brauche ich nicht. Ich lebe allein in einer Wohnung im 10. Stock. Manchmal schaue ich vom Balkon hinunter auf die Südseite der Gausskurve und erinnere mich, wieviel Kraft es mich gekostet hat, so zu tun, als wäre ich im Normbereich. So zu tun, als passte ich in diese Gesellschaft, eine Gesellschaft, die so menschenfeindlich ist, dass ich mich oft frage, wie es die anderen da aushalten.


Die beste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe, war die, die Psychopharmaka abzusetzen. Versteht mich nicht falsch, es war auch die härteste Erfahrung meines Lebens. Doch, als sich der Psychopharmaka-Nebel zu lichten begann, gelang es mir, Schritt für Schritt wieder selbstständiger zu werden. Ich konnte nun ohne Toby aus dem Haus und die öV wurden zu meinem zweiten Zuhause (man braucht ein so einen Ort, wenn man in einem Wohnheim lebt, glaubt mir). Meine kognitiven Fähigkeiten, die mir aufgrund der Medikamente für Jahre abhanden gekommen waren, waren wieder da und wurden zu meiner wichtigsten Ressource im Umgang mit den schwierigen Gefühlen, die ohne Psychopharmaka wieder Überhand zu nehmen drohten. Nach Jahren vergeblicher Therapiebemühungen (ich galt als therapieresistent und chronisch schizophren), war ich nun stark genug, um mich diesen Gefühlen zu widmen und es gelang mir, die Stimmen, die mich jahrelang gequält und unterdrückt hatten, zu verstehen. Es stellte sich heraus, sie waren nicht meine Feinde, im Gegenteil, sie waren da, um mich zu beschützen. Zu beschützen vor Gewalt, die Jahre zurücklag und an die ich mich nicht erinnern konnte.

Plötzlich war von Trauma die Rede und nicht mehr von Schizophrenie. Meine Therapeutin nannte es nun Dissoziation, nicht Ich-Störung. Sie sprach von Anteilen statt Halluzinationen, von innerer Aktivität statt Gefühlen des Gemachten. Alles Begriffe, die ich erstmal googeln musste, aber, was es in der Essenz für mich bedeutete, war: Die unheilbare, genetisch-bedingte Schizophrenie wurde durch etwas ersetzt, das man behandeln kann, etwas, womit man lernen kann umzugehen. Etwas, das mich nicht zu einem unaushaltbaren Leben verdammt.


Und ja, jetzt, wo ich weiss, dass ich nicht einfach verrückt bin und mir alles einbilde, jetzt, wo ich verstehe, dass die Stimmen teil von mir sind, gelingt es mir immer besser, mich selbst so zu akzeptieren, wie ich bin. Ich muss nicht an einer Gesellschaft teilnehmen, die mich ständig überfordert, die mich triggert und mit Reizen überflutet. Ich muss nicht von 8 bis 5 arbeiten, um zu beweisen, wie wertvoll ich bin. Ich muss nicht an Parties gehen, die mir keinen Spass machen, nur, um dazuzugehören. Nein, ich darf jetzt genau das tun, was ich brauche, um zu heilen. Ich darf mich ausdrücken und kreativ sein, ich darf Treffen absagen, wenn sie mich zu sehr stressen und ich darf mir Zeit lassen, es gemütlich nehmen, denn Therapie ist kein Wettlauf, sondern eine Lebenschule.


Heute bin ich in erster Linie Künstler*in. Da mir das Lernen Spass macht, studiere ich an der Kunsthochschule in Zürich und in England. Meine Werke sind interdisziplinär, konzeptionell und experimentell. Ich zeichne, male, schreibe, mache Musik, Fotos und Videos. Ich drücke mich aus. Und manchmal trete ich als Performancekünstler*in mit experimenteller Musik und eigenen Texten auf. Und für dieses Leben ist meine Wohnung am Rande der Gausskurve geradezu perfekt.


Da wir hier an einer seriösen Konferenz sind, habe ich meine Erfahrungen in ein Diagramm gepackt. Als Künstler*in konnte ich aber so ein Diagramm nicht einfach stehen lassen, deshalb habe ich es animiert und mit selbst-komponierter Musik untermalt. Denn manchmal können Worte nicht alles ausdrücken. Und weil dies zudem ein Vortrag zum Thema Stimmenhören ist, kann ich so einen akustischen Beitrag zum Verständnis von Stimmenhören leisten.

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